Beratung, Coaching und die Ökonomie

Beratung, Coaching und die Ökonomie

Der Markt, so schreibt Priddat in seinem Buch „Homo Dyctos“, ist ein „großer Erwartungsraum, der nicht nur darauf gründet, dass man Fortschritt, d.h. ständige Verbesserung erwartet, sondern vielmehr, in einer tiefergelegten Struktur, Erfüllung bzw. um ein älteres Nomen zu verwenden, Erlösung“ (Priddat: 12). Beobachtet man die Darstellungsformen von Coaching-Plattformen, die von Fachfremden betreiben werden, auf denen jedoch fachkundiges Personal zum Einsatz kommt, kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, es werde Erlösung verkauft: Erlösung von den Mühen des Alltags, Erlösung von den vergeblichen Änderungsversuchen der Vergangenheit, Erlösung von sich selbst – zumindest jenem Teil der eigenen Persönlichkeit, mit dem man sich nicht anfreunden kann. Und nicht zu vergessen: mit einem Rabatt von x Euro, lässt man sich ködern, das Angebot zu testen. Glück zum Schnäppchenpreis.

Es stellt sich die Frage, ob es professionellen Coaches und Beratungsfachkräften gut zu Gesicht steht, sich auf diese Weise vermarkten zu lassen. Unbestritten ist das Netz eine hervorragende Ressource, Zielgruppen anzusprechen und auf die eigenen Leistungen hinzuweisen, die von den Ratsuchenden auch online abgerufen werden können. Um in der Fülle der Anbieter und Angebote im Netz nicht unterzugehen, muss man auf sich aufmerksam machen. Denn die Währung der Netzöffentlichkeit heißt „Anerkennung“, deren Kleingeld ist die „Aufmerksamkeit“ (Priddat: 16). Doch wo endet aus berufsethischer Sicht die Ökonomisierung von Beratung und Coaching, die beide zu einem „Geschäftsmodell“ machen – anstatt zu einer auf die jeweilige Person zugeschnittenen (= individuellen) Leistung, die nicht selten „quer“ zu den Anforderungen der aktuellen Wirtschaftsordnung mit ihren problematischen Auswirkungen steht.

Ist es sinnvoll und zulässig, dass psychosoziale Leistungen im Stil der „economy of persuasion“ (Priddat: 42), also der Überredung (oder auch: Überrumpelung) angeboten und verkauft werden? Verändern solche Vorgehensweisen am Ende nicht auch das Angebot und seine Inhalte? Und wo bleibt bei diesem Vorgehen die vielbeschworene „beraterische Beziehung“, wenn bereits die Kontaktaufnahme automatisiert erfolgt, obwohl den Kundinnen und Kunden ein „Live-Chat“ suggeriert wird? Bedarf es überhaupt noch dieser „besonderen“ Zuwendung (altmodisch „Beratungsbeziehung“ genannt), von der Merten schreibt, dass bereits „die Beziehungsarbeit alleine […] zu einer Verbesserung führen [kann] und keine Art von Psychotherapie kommt ohne sie aus“ (Merten: 8).

An einem konkreten Beispiel sei demonstriert, wie die potentiellen Ratsuchenden oder Kundinnen und Kunden „angenommen“ werden. Wer auf „coachfox“ auf das Chat-Icon klickt, sieht ein Fenster mit dem Titel „Live-Chat“ und es wird suggeriert, die abgebildete Fachkraft sei direkt ansprechbar. Nach dem Absenden einer Nachricht (es ist dabei völlig egal, was man schreibt) erscheint der immer gleiche Antworttext:
Wir melden uns bald bei dir. Hinterlasse deine E-Mail Adresse und du wirst benachrichtigt, sobald wir eine Antwort für dich haben.
Beginnt so eine helfende Beziehung?

Man kann aus der beobachtbaren Entwicklung zwei Folgerungen ziehen:
1) Die menschliche Kommunikation erweist sich als weit weniger kompliziert als von den Kommunikationswissenschaften und der Psychologie behauptet. Folglich gelingt eine helfende Kommunikation auch vermittels automatisierter (d.h. maschinell erzeugter) Kommunikation. Die Bedeutung der Beziehung stiftenden Arbeit der Fachkraft kann vernachlässigt werden. Konsequenz dieser Folgerung ist, dass zentrale Inhalte der Hochschulausbildung sowie der sich anschließenden methoden-orientierten Aus- und Fortbildungen obsolet sind.
Oder:
2) Das Internet führt zu einer Art Schizophrenie, die für Online-Angebote andere fachliche und ethische Kriterien zu Grunde legt, als dies für die Präsenzberatung der Fall ist. Konsequenz dieser Folgerung ist eine bei den Klientinnen und Klienten sich einstellende Verunsicherung, was online versus kopräsent „verkauft“ wird und welches Angebot das für sie passende ist. Innerhalb der Profession wird die unterschiedliche ( genauer: gegensätzliche) Bewertung der Angebotsformen nicht reflektiert, die sich ergebenden Widersprüche werden nicht wahrgenommen bzw. abgespalten.

Es ist an der Zeit, dass die Profession und ihre Repräsentanten – und das sind in Deutschland vor allem die Kammern – sich mit dieser Problematik auseinandersetzen. Denn aufhalten lässt sich die eingetretene Entwicklung nicht mehr. Aber sie lässt sich steuern und kanalisieren dort, wo schädliche Auswüchse drohen.

Literatur:
Merten, J. (2001). Beziehungsregulation in Psychotherapien, Stuttgart.
Priddat, B. P. (2014): Homo Dyctos, Marburg.

2017-09-07T10:23:58+00:00 06.09.2017|